„Rhoihessischer“ Dialekt gegen die Demenz

Der Dialekt kann Erinnerungen wecken und dadurch das Selbstbewusstsein von Demenzkranken stärken. Wie ein Nieder-Olmer Alltagshelfer sich diesen Effekt zunutze macht.

NIEDER-OLM. „Aachedeggell“. Das e in der letzten Silbe wird nicht gesprochen. Ja, den Begriff kennen die einen oder anderen Frauen und Männer mit Demenz, die Alltagsbegleiter Stefan Heyde besucht, und sie lächeln, wenn sie ihn hören. Es ist rheinhessisch und bedeutet Augenlid. Er weckt Erinnerungen. Sie beginnen zu erzählen. „Und zu Kaninchen sagen wir Labbäng. Kennen Sie das?“, zum Beispiel.

Für Heyde sind die Begriffe im Dialekt Türöffner für die Menschen, die noch orientiert sind. Die Wörter aus ihrer Kindheit sprechen ihre Gefühle an. Es sind Themen, bei denen sie sich auskennen. „Es ist schön zu sehen, wie die Frauen und Männer aufblühen, wenn sie die vertrauten Wörter hören. Ursprünglich ist Rheinhessen sehr ländlich geprägt. Hier hat kaum einer Hochdeutsch gesprochen. Der Dialekt erinnert sie an diese Welt, an Bräuche und Erlebnisse in ihrem Leben. Ich habe mich auch mit Weinbau beschäftigt. Bei diesem Thema kann ich die Menschen in ein Gespräch einbinden. Hier können sie ihr altes Wissen abrufen. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein“, erklärt er. Durch den Zuzug würde heute viel weniger Dialekt gesprochen, fährt er fort. Ihre Heimat hat sich verändert. Heyde selbst stammt aus der Südpfalz und hat schnell gemerkt, dass er das eine oder andere Wort lernen musste, um sich auf gleicher Ebene mit seinen Kunden zu unterhalten. Als er hörte, dass die beiden Blogger Sven und Denise Schmitt, die die Homepage „Rhoihesse-on-Tour“ betreiben, rheinhessische Begriffe sammeln, hatte er daher eine Idee. Er entwarf sogenannte Erinnerungskarten für derzeit 42 Begriffe auf rheinhessisch. Auf diesen Karten ist das Wort und eine kurze Erklärung zu lesen, auch zur Aussprache. Daneben befindet sich eine Zeichnung. Weitere Begriffe sind „Reidschulbremser“ (Taugenichts), Zwiwwel (Zwiebel), Knagger (Knackwurst oder alter Mann) oder Elekdrisch (Straßenbahn). Diese Karten schaut er sich mit seinen Kunden an und schon beginnen sie zu erzählen, vielleicht auch von einer Gegebenheit aus ihrem Leben.

Heyde besucht hilfsbedürftige Männer und Frauen in der Verbandsgemeinde Wörrstadt, im Landkreis Mainz-Bingen und in den Vororten von Mainz. Schnell hat er gemerkt, dass es auch von einem Ort zum anderen Unterschiede in der Aussprache gibt. „Wir untersuchen die Dialekte nicht wissenschaftlich, sondern sammeln einfach alle Begriffe. Es sind Erfahrungswerte. Wenn die Menschen selber Unterschiede merken, regt sie das an“, erzählt der Alltagshelfer, der seit mehr als 15 Jahren in verschiedenen Pflegebereichen gearbeitet hat und seit 2021 selbstständig tätig ist. Der Kartenstapel soll noch ergänzt werden. Für weitere Hinweise ist er dankbar. „Besonders interessant ist, wie die Menschen die Ortschaften bezeichnen. Manches hätte ich ohne Erklärung nicht verstanden, wie Kijenum (Köngernheim) oder Seeloch (Sörgenloch).

Derzeit betreut Stefan Heyde bis zu 25 Senioren mit oder ohne Pflegegrad, die zu Hause leben. Er schätzt einen festen Kundenstamm ohne viel Durchlauf. So kann er eine zuverlässige Beziehung zu ihnen aufbauen. Er und eine Mitarbeiterin helfen etwa beim Einkaufen, bei Arztbesuchen, Behördengängen und auch, wenn der Kunde einen Pflegegrad oder Schwerbehindertenausweis beantragen möchte. Er liest vor und spielt Gesellschaftsspiele mit ihnen. Dabei entlastet er auch die Angehörigen.

© Stefan Heyde,

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