Nächstes Jahr im Mai feiert der Durchblick 30-jähriges Jubiläum. In dieser Zeit haben sich einige Aprilscherze angesammelt, die Sie hier alle lesen können.
Kein Aprilscherz war im ersten Jahr, denn die allererste Ausgabe - die Nullnummer - war das Maiheft 1995. 2011 war mir die Lust auf einen Scherz vergangen: "Null Bock auf Aprilscherz - Fukushima"...
Alles begann an der Theke. Die beiden Tageszeitungen Echo und BA hatten sich Anfang 1995 abgesprochen, daß die redaktionelle Behandlung der Gemeinden aufgeteilt werden sollte. Aus bislang zwei Blickwinkeln wurde einer, und die folgende oft einseitige Darstellung gefiel uns nicht. So beschlossen wir, eine eigene Zeitung zu machen - wenigstens einmal im Monat. Thomas Glaser, Guido Seidler und ich waren uns schnell einig, wie wir das Projekt aufziehen würden. Guido erstellte das Grundlayout der Hefte, "an das sich eine gewisse M aus L nie gehalten hat", Thomas kümmerte sich um aktuelle kommunalpolitische Themen. Ich wollte eigentlich nur das "Feuilleton" übernehmen. Aber die Zeitschrift sollte ja gedruckt werden, denn 1995 war man noch lange nicht soweit, daß eine kostengünstige Onlinezeitung denkbar gewesen wäre. Also mußte der Druck finanziert werden, und dazu holten wir die örtliche Wirtschaftswelt ins Boot. Die Betriebe schalteten ihre Inserate im Durchblick, und wir brachten dafür immer wieder Beiträge aus der Wirtschaft. Die erstaunliche Vielfalt der gewerblichen Angebote, Produkte, Dienstleistungen vor Ort blieb bis heute erhalten. Wer im Internet kauft, ist also selbst schuld - schon allein ein Preisvergleich lohnt sich, und bei Service, Beratung, Kundendienst und Gewährleistung können Internetanbieter sowieso nicht mithalten.
Kultur ist ein teurer Spaß, das haben in den zwei Coronajahren viele Künstler und Veranstalter festgestellt. Langfristige Planung: Fehlanzeige. Ständig ändern sich die Coronabestimmungen, ständig muß umgeplant oder abgesagt werden. Kartenvorverkauf: sinnlos, wie oft mußte alles aufwändig rückabgewickelt werden. Vorfreude: wozu, wenn das ersehnte Konzert / die Ausstellung / Lesung / Tag der offenen Tür o.ä. doch wieder abgesagt werden muß?
In meiner Zeit als Wirtin der Dorfschänke in Lautern (1986-1998) organisierte ich zahlreiche Konzerte. Walter Koepff, rasender Reporter aus Reichenbach, war fast immer dabei. Er hat mir dankenswerterweise eine Übersicht aller Auftritte in der Dorfschänke zusammengestellt, Sie finden sie unten.
Zu Gast bei Käptn Blaubär: das war die Geburtsstunde des Durchblick. Acht Freunde auf Silvesterurlaub 1994/95 in Wilster (da wo Deutschland am tiefsten ist) - ein Karpfen "dreimal serviert", viele Pharisäer und verfrorene Spaziergänge am Ende der Welt führten dazu, daß die Idee Gestalt annahm.* Als Anfang Mai 1995 tatsächlich das erste Heft erschien, inserierten darin einige gute Bekannte, die es heute noch gibt: Handwerkerbedarf Flügel Reichenbach, Küchenstudio Rettig Elmshausen, Autowerkstatt Brunner Wurzelbach, die Sparkasse Bensheim, Haushaltswaren Bauer Gadernheim, Gasthaus Zur Traube Reichenbach, Getränkehandel Hans Bauer Reichenbach und Fotograf Günter Hogen Reichenbach. Sie gibt es noch heute, sind zum Teil unsere langjährigen Dauerkunden geworden, andere haben geschlossen. Da der Durchblick von Anfang an als "Nebenjob" gedacht war, legten wir nie großen Wert auf repräsentative Büroräume, sondern arbeiteten meist von zuhause (wie jetzt auch wieder) oder in düsteren Kellerverliesen.
Nach 25 Jahren emsiger Redaktionsarbeit ist es endlich gelungen, das allererste Durchblick-Heft vom Mai 1995 zu scannen und als PDF online zu stellen. Im Anhang können Sie es Seite für Seite lesen.
Was in unserer Redaktion in all den Jahren so passiert ist, werden Sie in den nächsten Tagen hier lesen können!
Wie man sieht, wurde der D-Mark Preis für eine Achtelseite in Höhe von 79 Euro im Jahr 1995 in den vergangenen 25 Jahren etwa 1:1 durch den Europreis ersetzt: eine Achtelseite kostet heute 82 Euro. Aber mit den Druckpreisen war es genauso. Wir haben im Anfang für den Druck einer 24-seitigen Ausgabe genausoviel in DM gezahlt wie heute in Euro.
In den Odenwald kam ich 1973 und fühlte mich sofort wohl hier. Bevor es losging, mußte ich aber zuerst noch in Michelstadt die Schulbank drücken, ging dann zum Studieren nach Mainz - ich fuhr natürlich mit meinem Käfer (er war savannenbeige) dorthin, denn alles war besser als in Ober-Olm zu wohnen, und Käferfahren schon allemal...
Und wie es so ist: das Studium will finanziert sein, also arbeitet man nebenher. Irgendwann arbeitet man voll und studiert nebenher, und dann hört man auf zu studieren. Denn es kam ein Angebot: ich konnte die Dorfschänke in Lautern übernehmen, das war 1986. Die Dorfschänke ist ein Raum am Ende der Festhalle in Lautern, die so gut versteckt liegt, daß man nur vorsätzlich in diese Kneipe gelangte. Ich fing an, Livemusik zu veranstalten. Wir räumten einen Tisch beiseite, die Band baute ihre Anlage (zwei drei Geräte, keine LKW-Konvois voller Equipment) auf, die Gäste quetschten sich drumherum und los ging’s. Und so kam es, daß eines Abends ein Inkognito-Auftritt der Starfucker in der verrauchten kleinen Kneipe in Lautern geplant war: als Bazooka Brothers traten sie auf, und es ist den auserwählten Gästen, die damals anwesend waren (mehr als 60 kriegte man selbst mit Gewalt nicht rein) und mir ein unvergeßliches Erlebnis bis heute.
Marieta Hiller, 1999 (ein Jahr nach Schließung der Dorfschänke und vier Jahre nach Gründung des Durchblick)
Das bin ich 1999 an meinem Chaos-Arbeitsplatz in Guidos Büro im Keller in Kolmbach. Im 2. Stock wohnte zeitweise Kaya Yanar, aber der Punk - pardon der Rock’n Roll - ging im Keller ab.
Unsere Redaktion im Jahr 1995: Marieta Hiller, Guido Seidler, Thomas Glaser - nach 25 Jahren noch immer unverändert aktiv für Ihre Information!
Kann auch nicht jeder von sich behaupten: auf den Durchblick sind sogar die Hunde scharf!
Ein Anzeigenauftrag, bevor es e-mail und einfache Grafikprogramme gab, die jeder für seine Inseratentwürfe einsetzen konnte... Obwohl: wir haben auch schon Inseratvorlagen als Excel-Datei erhalten.
Ebenfalls vor den Zeiten digitaler Textübermittlung: per Fax kamen Beiträge an, mit Bleistift auf Karopapier geschrieben - oftmals kaum lesbar, und man mußte alles neu abtippen. Unvergeßlich bleiben uns auch die Beiträge, die Jürgen Kaltwasser schickte: offenbar gab es im Rathaus einen größeren Vorrat an rosa Papier, das für Schriftliches aufgebraucht werden mußte. Und so kamen die gefaxten rosa Blätter bei uns immer in grau mit leicht dunklergrauer Schrift an. Aber wir waren jung und hatten noch gute Augen...
Diese beiden Comics bekamen wir von Kaya Yanar für den Durchblick. Kaya wohnte zeitweilig in dem Haus in Kolmbach, wo unser Kellerbüro lag.
Mouhnad (l) und Fadi (m) stammen aus Syrien und sind von Beruf Drucker. Vor einigen Wochen kamen sie auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland und zogen in die Unterkunft in Lautern.
In der Druckerei: v.l. Zaher, Carmen Bönsel, Mohannad
Damit der Deutschunterricht nicht zu trocken ist, habe ich die beiden und ihren Freund Zaher (r) mit zur Druckerei in Beedenkirchen genommen, wo Carmen Bönsel sie durch die Räumlichkeiten führte. Besonders begeisterten sie sich für die alten „Schätze“, die in der Druckerei stehen: alte Heidelberger Druck-, Stanz-, und Falzmaschinen, die neben den modernen Speedmaster-Anlagen noch immer zuverlässig ihren Dienst tun.
Fadi zeigte uns was in Syrien sein Arbeitsbereich war: er stellte Stanzformen her. Bei Lautertal-Druck werden diese an eine Firma vergeben, die mit Laser arbeitet. Fadi stellte seine Formen von Hand her, in ganz Syrien gibt es nur fünf Druckereien, die so modern ausgerüstet sind, daß mit Laser gearbeitet wird. Mouhnads Arbeitsgebiet war das Schneiden, Falzen, Heften.
v.l. Mohannad, Fadi und Zaher - sie haben ihren Weg in Deutschland gemacht und alle drei einen guten Arbeitsplatz gefunden, der zu ihren Ausbildungen paßt.
Zaher, der von Beruf Automechaniker ist, sah sich ebenfalls alles genau an. Am liebsten hätten die drei vermutlich gleich mit angepackt. Angepackt haben viele der jungen Männer aus Lautern auch beim letzten Repair Café in Bensheim (kl. Foto), wo sie mit Schleifklotz, Leim und Schraubzwinge beim Reparieren halfen. Der Besitzer war hocherfreut, daß er seine Stühle in reparierter Form wieder mit nach Hause nehmen konnte.
April 2016, M. Hiller - ich habe von Dezember 2015 bis in die letzte Zeit (2021) zahlreiche geflüchtete junge Männer aus Syrien - später auch aus dem Irak - begleitet und bin froh, daß die meisten von ihnen sich sehr gut integriert haben.