Konfi-Workshop: Die 10 Gebote und der Holocaust

„Was hat die Konfi-Zeit in Lautertal mit dem 27. Januar und dem aktuellen Besuch von Ryan Lilienthal aus den USA zu tun“, fragte Pfarrer Jan Scheunemann seinen aktuellen Konfirmationsjahrgang beim jüngsten Konfi-Wochenende im Reichenbacher Gemeindehaus. Lilienthal besuchte die Teilnehmenden der Zusammenkunft während deren Auseinandersetzung mit den 10 Geboten beim jüngsten Konfi-Wochenende. Dort assistierte er bei einem Workshop, der sich mit dem tragischen Schicksal seiner jüdischen Familie aus Elmshausen beschäftigte, welche 1942 von der SS in KZ ermordet wurde. „Warum wurden normale Menschen zu Mördern und beliebte Mitbürger zu Opfern – und warum beachtete dabei niemand die 10 Gebote?“, fragten die angehenden Konfirmanden. Einfache Antworten gab es im Workshop nicht – dafür jedoch viel zu entdecken und zu verstehen, wie es zu dieser fatalen Fehlentwicklung in der NS-Diktatur kam. Lehramtsreferendar Christian Germann hatte den Workshop gemeinsam mit Ausbilder Frank Maus am Studienseminar Heppenheim entwickelt und mit den Konfis durchgeführt.

Familie Israel in der NS-Zeit

Mina, Walter und Theodor Israel lebten bestens integriert im Lautertal, besser gesagt in Elmshausen. Sie waren anerkannt, geachtet, beliebt und doch kamen sie gemeinsam im Sommer des Jahres 1942 durch ebenso deutsche Staatsbürger gewaltsam zu Tode. Auch Walter, der Sohn des Ehepaares wurde ermordet - von nationalsozialistischen Christen, denen das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“ seit Kindesbeinen genauso bekannt war, wie den Konfirmanden schon vor dem Konfi-Unterricht. Oftmals schüttelten die Konfis daher über die Unterdrückungsmaßnahmen der NS-Regierung den Kopf: „Was die sich alles ausgedacht haben, nur um den Israels das Leben schwer zu machen.“ Maus, Germann und Lilienthal führten die „Lautertaler Konfis“ durch das ethisch und historisch arrangierte Programm, das im Kern das zunehmend schwierigere Leben der Familie Israel in Lautertal schrittweise verdeutlichte.

Nazi-Morde unter Missachtung der 10 Gebote

Unzweifelhaft erinnern sich alle ehemaligen Konfirmanden an die Auseinandersetzung mit den 10 Geboten als grundlegendes Orientierungswerk des christlichen Normengefüges. Auch der aktuelle Konfirmandenjahrgang 2025/26 beschäftigt sich in verschiedenen Zusammenhängen mit diesem traditionellen Normengefüge und doch war diesmal war ein besonderer Bezug zum anstehenden Holocaustgedenktag am 27. Januar vorhanden, der eine Premiere im Lautertaler Kirchspiel darstellt. Im Laufe der Bearbeitung verschiedener Lernstationen entdeckten die Konfis, dass der Zusammenhang der 10 Gebote mit dem Holocaust unter anderem in der völligen Missachtung eben dieser Gebote liegt. „Millionenfacher Mord an Mitbürgern kann nur dann funktionieren, wenn der innere Kompass verloren gegangen ist“, waren sich alle Teilnehmer einig. Die Konfis hatten am Samstagmorgen mit Pfarrer Scheunemann zunächst Bewusstsein darüber erlangt: „Wer sich näher mit den 10 Geboten beschäftigt und sich daran orientiert, erlebt, dass sie eine durchaus hilfreiche Orientierung im Leben geben. Sie ersparen uns Leid und Schmerzen und öffnen uns gleichzeitig die Türe für positive Erlebnisse wie Anerkennung und Respekt.“ „Über manche Gebote muss man ganz schön lange nachdenken, bevor man ihren Sinn versteht“ äußerten Konfis und ergänzten sogleich: „Wieder andere sind glasklar, man kann sie gar nicht missverstehen. Dazu zählt das fünfte Gebot: Du sollst nicht töten.“

Familiengeschichte als Motivation

Natürlich durfte dabei auch ein Interview mit Ryan Lilienthal nicht fehlen. Wie er denn überhaupt auf Lautertal gestoßen sei, wurde gefragt und warum er sich als Bürger der USA für die Geschichte des Holocausts in Europa interessiere. Lilienthal erzählte geduldig und zugleich spannungsgeladen aus seinem Leben. Alte Briefe, die er im Rahmen eines Sterbenachlasses gefunden und gesichtet hatte, eröffneten ihm einen Blick nach Elmshausen ins Jahr 1941. Von einem Onkel Theodor konnte er dort lesen: „Theodor schrieb resigniert und angsterfüllt zugleich an seine Verwandten in den USA. Es war ihm nicht gelungen, sich und seine Familie ins sichere Ausland zu bringen. Die Lage in Deutschland verschärfte sich und er hatte keinen Ausweg mehr gesehen.“ So habe er, Lilienthal, verstehen wollen, was dahinter steckt, warum dieser Onkel Theodor solche Angst um seine Familie hatte und was schließlich aus ihm geworden sei. Vor etwa 15 Jahren schrieb er damals nach Lautertal und bat um Hilfe. Über den Umweg der Gemeindeverwaltung und den ehemaligen Ortsvorsteher Heinz Eichhorn wurde er schließlich an den Historiker Frank Maus verwiesen, welcher ihm die bereits fertig erforschte Leidensgeschichte seiner Familie in der Hitlerdiktatur eröffnete. Die Konfis erfuhren so die direkte Verbindung ihrer Heimat mit dem Holocaust.

Ausgehend von zeitgenössischem Archivmaterial, das den Leidensweg der Familie Israel minutiös nachzeichnete, arbeiteten sich die Jugendlichen tief in die Schritte der sich ständig verschärfenden Verfolgung der deutschen und europäischen Juden ein. Viele Unterdrückungselemente, wie der Zwang einen gelben Stern auf der Brust tragen zu müssen oder das Verbot, öffentliche Verkehrsmittel benutzen oder telefonieren zu dürfen eröffneten sich den Konfis schrittweise. Dadurch, dass sie erkannten, diese Dinge passierten auch hier in unserer Nachbarschaft, wurde die Leidensgeschichte real und authentisch. Angst und Hoffnung des Walter, Mina und Theodor wurden nachvollziehbar, der steigende Druck förmlich spürbar. Durch interaktive Arbeitsweisen schlüpften die Jugendlichen in die Rolle von Erklärenden und Lernenden, Forschern und Fragenden.

Besuch von Bürgermeister Heun

Im letzten Teil des Workshops kam auch Bürgermeister Heun vorbei, um die Ergebnisse der Konfirmanden kennen zu lernen. Immer wieder kam man auf den inneren Kompass guten Zusammenlebens und die 10 Gebote zurück. „Wie würdest Du Dich entscheiden, wenn Du beobachtest, dass heute erneut Minderheiten stigmatisiert und ausgegrenzt werden?“, lag als Frage in der Luft. „Die Bibel und Jesu Leben zeigen durchaus Alternativen auf, die gemeinsam mit den 10 Geboten Anhaltspunkte für Respekt und Frieden unter Menschen geben“, bekräftigten Heun, Germann, Scheunemann und Maus. Jeder, ob jung oder alt, habe es letztlich in der Hand, dem Kompass des Gewissens Folge zu leisten, machten sie den Jugendlichen Mut. „Lebt Euer Leben bewusst und hinterlasst gute Spuren, erkennt Hass und Hetze frühzeitig.“ Was sich beim bloßen Zuschauen auf respektlose und boshafte Vorgänge sonst schleichend und fatal entwickeln kann, habe der Workshop gezeigt. Dies zeige sich z.B. aktuell in den USA wieder, waren sich die Jugendlichen und Erwachsenen einig. Geschichte bzw. historische Fehler könnten sich tatsächlich wiederholen, drum gelte es den inneren Kompass zu erhalten.

Weil gemeinsame Arbeit auch immer von guter gemeinsamer Atmosphäre unterstützt wird, haben die Teamer der Kirchengemeinden viele wertvolle Unterstützungen beigesteuert – so z.B. heiße Lasagne als Abendessen, das sich auch Bürgermeister Heun nicht hat entgehen lassen.

Jan Scheunemann & Frank Maus

Fotos: Scheunemann, Lilienthal, Maus

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