Nur mal angenommen... Sie gehören wie ich auch zu den Leuten, die gern mal sagen "wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß". Dann ist Ihnen sicher auch schon aufgefallen, daß Windkraftanlagen ein zweischneidiges Schwert sind - im wahrsten Sinn des Wortes. Wir wollen regenerative Energie, nicht nur um irgendwelche Umwelten zu schonen, sondern weil die Ressourcen einfach knapp werden. Wenn das letzte Ölfeld erschöpft ist, wenn dem Boden die letzte Gasreserve abgefrackt wurde, wenn unsere Städte über leeren Kohleflözen zusammenbrechen, erst dann werden wir feststellen, wo es alles keine Sixpacks gibt - so ähnlich war das doch.
Wir wollen aber auch Artenvielfalt: schmettern soll die Lerche, über ihrem armseligen Lerchenfenster in der Monokultur. Fröhlichbunt sollen Schmetterlinge von Blüte zu Blüte flattern in der ausgeräumten Landschaft, Fischlein sollen springen in belasteten Gewässern. Und Rotmilane wollen wir: Rotmilane sind der Inbegriff intakter Natur. Eigenartigerweise hat sich die Lautertaler Natur um das Jahr 2011/2012 herum als 100% intakt erwiesen, denn seit dieser Zeit lassen sich am Himmel manchmal bis zu 15 Rotmilanpaare beim Kreisen beobachten. Gottseidank wurde just zu dieser Zeit das Lautertaler Windkraftprojekt ausgehebelt. Oder war's andersrum? Begabte Verschwörungstheoretiker könnten jetzt A (Auftauchen der Rotmilane) mit B (Windkraftprojekt) verknüpfen und auf den Gedanken kommen, daß man Rotmilanpaare anmieten kann. Auch eine nette Geschäftsidee.
Energiewende ja bitte - zerhackte Vögel nein danke: wasch mir den Pelz... Wir fürchten uns vor dem heimtückischen Infraschall durch Windräder, fahren aber am Wochenende Motorrad oder offenem Schiebedach im Auto, setzen uns beim Kirchgang sogenannten Demutspfeifen aus (das sind Orgelpfeifen, deren Frequenz unter der 20 Hz.-Hörgrenze liegt und die uns flau im Gemüt werden lassen).
Sollten wir nicht viel sinnvoller endlich aufhören mit dem Henne-Ei-Streit um Energiewende und Artenschutz und anfangen, Energie zu SPAREN? Nur ein winzig kleines Beispiel: schauen Sie mal in Ihren Schuhschrank - schreien Sie vor Glück? Haben Sie mehr als 20 Paar Schuhe in Gebrauch und noch ein paar dazu die drücken oder nicht mehr stylisch genug sind? Dann sind Sie guter Durchschnitt: in Deutschland kauft jeder Einzelne jährlich 6 Paar Schuhe, gibt aber insgesamt pro Jahr unter 300 Euro dafür aus. Na, klingelt was? Genau. Wer billig kauft, kauft zweimal - oder gleich sechsmal. Für jedes Paar wird enorm viel Energie verbraucht, gelangen giftige Chemikalien in die Umwelt, schuften sich Kinder in Fernost 14 und mehr Stunden pro Tag krumm, fallen hohe Transportkosten von dort zu uns an. Nur Leder wird nicht zusätzlich produziert, denn das bleibt sowieso übrig wenn wir die Burger rausgefressen haben. Warum nicht gleich ein paar ordentliche, in einem "regionalen"* Betrieb hergestellte Schuhe, handwerklich einwandfrei und mit Löhnen nach genau den Maßstäben, die wir für unser eigenes Einkommen immer gern lautstark einfordern. Die Schuhe kosten dann ein bißchen mehr, sind aber das Zehnfache wert, wenn man alle Aspekte mit einrechnet: Arbeitsplätze vor Ort, niedrige Transportkosten, sozial und ökologisch an unsere eigenen Wertmaßstäbe angepaßt. Und sie sehen sooo gut aus: im Schuhschrank und an unseren Füßen!
Dann können wir schreien vor Glück... * regional muß hier etwas weiter gefaßt werden: Deutschland und umliegende Staaten.
Marieta Hiller, September 2021