Vor über 240 Millionen Jahre Meeresgrund heute Geotop des Jahres 2026: UNESCO Global Geopark zeichnet Steinbruch Schmittshöhe bei Walldürn aus
Am Sonntag, den 20. September wehte kräftiger Wind über das Gelände des ehemaligen Steinbruchs an der Schmittshöhe in Walldürn. So fiel es den mehr als 50 Besucherinnen und
Besuchern, die der Auszeichnung zum Geotop des Jahres beiwohnten, leicht, sich vorzustellen, dass hier vor rund 240 Millionen Jahren einmal die Wellen eines Flachmeeres brandeten.

Jochen Babist, Fachbereichsleiter Geologie, erklärt die besondere Geologie des Ortes...
In seinem Grußwort erinnerte Walldürns Bürgermeister Meikel Dörr unter anderem daran, dass er vor über drei Jahren noch als Bürgermeisterkandidat an diesem beeindruckenden Ort gestanden hatte. Umso mehr freue er sich nun als Bürgermeister, dass dieser wunderbare Ort, der Natur, Geschichte und Geologie verbindet, jetzt zum Geotop des Jahres 2026 ausgezeichnet werde.

Foto: Geo-Naturpark, v.l.n.r: Bernhard Spreitzenbarth, Vorsitzender Biotopschutzbund, Dr. Jutta Weber, Geschäftsführerin Geo-Naturpark, Dr. Achim Brötel, stellv. Vorsitzender Geo-Naturpark, Meikel Dörr, Bürgermeister Stadt Walldürn, Larissa Arras, stellv. Geschäftsführerin Geo-Naturpark
Landrat Dr. Achim Brötel, stellv. Vorsitzender des Geo-Naturparks Bergstraße-Odenwald, zeigte sich erfreut über die Auszeichnung des bereits vierten Geotops des Jahres im Neckar-
Odenwald Kreis. Die wiederholten Auszeichnungen stünden für die Schönheit der Region. „Dass der Steinbruch Schmittshöhe zum Geotop des Jahres ernannt wurde, hilft auch ein
fast vergessenes Handwerk, die Kalkbrennerei, wieder zum Leben zu erwecken“, ergänzte er. Außerdem ging er auf die Geschichte des Steinbruchgeländes ein, das sich dank des
Biotopschutzbundes zu einem wertvollen Ort der Biodiversität entwickelt habe. Passend dazu zitierte er Friedrich Hölderlin mit den Worten: „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende
auch.“ Im Anschluss berichtete Bernhard Spreitzenbarth, erster Vorsitzender des Biotopschutzbundes mehr über die Arbeit seines Vereins.
Die Verbindung der konkreten Feierstunde zum bundesweiten Tag des Geotops und der bereits zum 25. Mal vergebenen Geotop-Auszeichnung stellte Geschäftsführerin Dr. Jutta
Weber her. Zudem lud sie die Teilnehmenden ein, mit ihr in eine Zeitkapsel zu steigen und auf eine Reise durch die Erdgeschichte des Odenwalds zu gehen. Im Erdaltertum vor rund
350 Millionen Jahren kollidierten zwei Urkontinente, dabei befand sich der Ur-Odenwald in der Kollisionszone. Die bei der Kollision entstandenen heißen Gesteins-Schmelzen stiegen
in die Erdkruste auf und kristallisierten dort aus. Die Gesteine kann man etwa am Felsenmeer im Lautertal oder auch im Heidelberger Schlossgraben sehen. Im Folgenden
ließ Weber die Zeit des Erdmittelalters vor dem geistigen Auge ihrer Zuhörer entstehen, in denen sich im Halbwüstenklima vor rund 245 Millionen Jahren Buntsandstein und im
Muschelkalkmeer vor 240 Millionen Jahren Kalksteine ablagerten. Als besonderes Ereignis der Erdneuzeit erläuterte Weber die Entstehung des Oberrheingraben vor rund 50 Millionen
Jahren, in dessen Folge sich der Odenwald einseitig heraushob und die überlagernden Gesteinsschichten bis auf den kristallinen Untergrund abgetragen wurden. In diesem
Zusammenhang kam es zu vulkanischen Ereignissen, davon zeugen noch heute die Grube Messel oder der Otzberg. Auch in jüngster erdgeschichtlicher Vergangenheit gibt es
besondere Phänomene wie Dünen, Löss und Reste alter Flusslandschaften zu entdecken. Weber schloss mit den Worten: „Unsere Gegenwart ist im Vergleich zur Erdgeschichte nur eine Momentaufnahme und es ist an uns, aus der Erdgeschichte zu lernen, um unsere Gegenwart und Zukunft lebenswert zu gestalten.“
Warum sich der Muschelkalk vor Ort so gut für die Kalkbrennerei eignete, erläuterte Jochen Babist, Fachbereichsleiter Geologie, am Steinbruch selbst. „Wo Sie jetzt stehen, war vor
rund 244 Millionen Jahren der Gund eines Flachmeeres. Durch Wellenbewegung wurden Sandkörner aufgewirbelt, an die sich ausgefällter Kalk anlagerte. Es entstanden rund Körner,
die wie Eier aussehen und die wir Geologen in der Fachsprache Ooide nennen. In der warmen Lagune sanken diese Ooide schließlich zu Boden“, so Babist. Das aus eiförmigen
Körnern aufgebaute Gestein wird als Kalkschaumbank bezeichnet. Der reine, tonarme Kalk eignete sich besonders gut für die Kalkbrennerei. Von Wolfgang Hauck, Mitglied des
Biotopschutzbundes erfuhren die Teilnehmenden, dass die Blütezeit der Kalkbrennerei hier an der Schmittshöhe Anfang des 20. Jahrhunderts war. Anschließend konnte die Gruppe die
wiederaufgebauten Brennöfen besichtigen, in denen Branntkalk für die Herstellung von Mörtel gewonnen wurde.
Dass sich Spuren der Erd-, Natur- und Menschheitsgeschichte sich auf besondere Weise an diesem Ort vereinen, zeigt die Bedeutung des Steinbruchs Schmittshöhe und macht ihn zu
einem würdigen 25. Geotop des Jahres – einer Auszeichnung, die der UNESCO Global Geopark seit dem Jahr 2002 kontinuierlich vergibt.