Die Reichenbacherin Elisabeth Meister veröffentlichte im aktuellen Band 58 der Geschichtsblätter für den Kreis Bergstraße einen umfangreichen Beitrag zur Situation der Zwangsarbeiter in Reichenbach. Hier gab es ein Kriegsgefangenenlager. Meister fragte sich: Wie lebten die Menschen? Und wie wurden sie von der einheimischen Bevölkerung behandelt?
Diese Frage blieb auch nach Kriegsende wichtig, denn erst 1999 bekannte sich der damalige Bundespräsident Johannes Rau zur Verantwortung von Staat und Unternehmen und zur moralischen Pflicht, Entschädigungen zu zahlen. 13,5 Millionen Zwangsbeschäftigte gab es während des 2. Weltkrieges, davon die Hälfte in der Rüstungsindustrie und ein gutes Drittel in der Landwirtschaft. 2,7 Millionen von ihnen kamen durch die harte Arbeit oder durch Mord ums Leben.
In einigen Betrieben machten ausländische Arbeitskräfte 60 % der Belegschaft aus, 1944 war jede vierte Person zwangsbeschäftigt. "Ohne die Zwangsarbeiter*innen hätten die Nationalsozialisten den Krieg nicht so lang weiterführen können, da die deutsche Rüstungsproduktin aufgrund des hohen Fachkräftemangels bereits 1942 zusammengebrochen wäre."
Die Zwangsbeschäftigten erhielten in der Industrie 60% des ortsüblichen Tariflohnes, für Akkordarbeit 80%. In der Land- und Forstwirtschaft war es wesentlich weniger.
Der Lohn wurde als "Lagergeld" ausgezahlt, konnte also nicht in der freien Wirtschaft ausgegeben werden. Das erinnert stark an die aktuelle Parole "Brot Bett Seife" für Geflüchtete, die mit ihrer Bezahlkarte zwar übers Internet bestellen können, aber nicht beim örtlichen Gemüsehändler oder Bäcker einkaufen. Zynisch: die Bezahlkarte soll verhindern, daß Geflüchtete Geld in die Heimat schicken, um dort notleidende Verwandte zu unterstützen. Mit christlicher Nächstenliebe hat das nichts zu tun - doch zurück zur Zwangsarbeitersituation im 2. Weltkrieg.
Elisabeth Meister konnte ihren Beitrag durch zahlreiche Fotos aus Reichenbach aus jener Zeit ergänzen. Walter Koepff, Heidi Kinzel und Heinrich Stock öffneten ihre Archive. Ergänzt wird der Beitrag durch aufschlußreiche Anmerkungen, Begriffserklärungen und Quellenangaben.
Lesetipp: Geschichtsblätter des Kreises Bergstraße Band 58, Laurissa Verlag 2025, ISSN 0720-1044, Seite 251 ff.