Wie sicher sind unsere Stromnetze?

Ein aktueller Blackout und zwei Fachvorträge zum Thema...

Im Januarheft 2026 konnten Sie ausführliche Beiträge zum Thema Strom, Wärmepumpe und Netzsicherheit lesen. Geplant war an dieser Stelle die Fortsetzung mit einem Bericht über zwei Vorträge zum Thema, die am 19.11.25 (Carsten Hoffman, Vorstand der GGEW) bzw. am 18.12.25 (Elmar Jaeker, aktiv bei den Engineers 4 Future und Experte für Software und künstliche Intelligenz für nachhaltige Energieversorgung) beim Klimabündnis Bergstraße gehalten wurden. Die vollständigen Beiträge zu den beiden Vorträgen finden Sie hier: 

19.11.25 Online-Vortrag Der Beitrag der GGEW zur Energiewende und 18.12.25 Online-Vortrag: „Die Rolle der Stromnetze in der Energiewende“ beide hier:
Klimabündnis Kreis Bergstraße: Aktuelles  zusätzlich Beitrag der GGEW AG zur regionalen Energiewende

Zur Versorgungssicherheit führte Elmar Jaeker aus, daß diese in Deutschland bisher sehr hoch ist und der wachsende Anteil der Erneuerbaren keinen negativen Einfluß hat. Deutschland liegt unter allen Ländern an 3. Stelle hinter Süd-Korea und Japan, vor Österreich und den Niederlanden und weit vor den USA und China. Unter der netzseitigen Versorgungssicherheit versteht man, daß die Energie jederzeit zu den Verbrauchern gelangt. Ein Maß dafür ist die durchschnittliche Versorgungsunterbrechungsdauer pro Jahr und Kunde. Diese lag 2024 bei 14,9 Minuten. 

Und Carsten Hoffmann, Vorstand der GGEW,  erläuterte den "Digitalen Zwilling": die Digitalisierung des Stromnetzes sei bei GGEW bereits fortgeschritten, der Digitale Zwilling stelle ein Abbild des physischen Stromnetzes dar, um Berechnungen von Meßdaten zu erleichtern. So kann durch automatisierte viertelstündliche Berechnung des gesamten Niederspannungsnetzes vieles gesteuert und schnelle Reaktionen ermöglicht werden. Die Früherkennung von Engpässen durch Sichtbarmachung möglicher künftiger Überlastungen kann die automatisierte Ausgabe von Handlungsempfehlungen zur Lastreduzierung z. B. bei E-Mobilität, Wärmepumpen (nach § 14a EnWG) oder zur Einspeisereduzierung von Erzeugungsanlagen veranlassen. Durch vorausschauendes Lastmanagement sei eine erhöhte Versorgungssicherheit gegeben.
Tatsächlich gehört die Stromversorgung in Deutschland zu den sichersten weltweit. 2023 mußten Haushalte in Deutschland im Durchschnitt knapp 13 Minuten ohne Strom auskommen. Das ist etwa so viel wie im Schnitt der vergangenen zehn Jahre. 

Berlin am 3. Januar: der Ernstfall...

Soweit die "Wohlfühl-Situation". Dann fiel in Berlin aufgrund eines Anschlags der Strom für 45.000 Haushalte, 2200 Betriebe und die öffentlichen Einrichtungen aus. Was die Terroristen nicht bedacht hatten, als sie "das System" schädigen wollten: unzählige Menschen, die von medizinischen Geräten abhängig sind, waren lebensgefährlich bedroht; durch den Ausfall der Heizanlagen wurden Leitungen durch Frost zerstört; Hilfskräfte mußten - nach der wie immer turbulenten Silvesternacht - alles mobilisieren, um die Situation wenigstens erträglich zu machen für die Menschen. Fünf Tage lang gab es bei Minusgraden keinen Strom, keine Heizung, kein Netz. Freunde haben sich die Saboteure nicht gemacht, aber sie haben etwas Erschreckendes sichtbar gemacht: es dauerte viel zu lange, die Infrastruktur provisorisch wieder herzustellen. 
Sie haben auch sichtbar gemacht, daß detaillierte Kenntnisse über Infrastruktur-Schwachstellen leicht zugänglich sind und daß es - entgegen der allseitigen Beteuerungen - keine Redundanz, kein Backup gibt. Zumindest in Berlin: für die zerstörte Kabelbrücke über den Teltow-Kanal in Berlin-Lichterfelde gab es offenbar keinen Plan B. Da im Berliner Stromnetz inzwischen 99 Prozent unterirdisch verlaufen, war die Kabelbrücke zwar das ideale Ziel für den Anschlag, irrtümlich fühlte man sich ausreichend geschützt. Der Digitale Zwilling der GGEW hätte die Schwachstelle vermutlich erkannt und auf Handlungsbedarf hingewiesen.
Die Wiederherstellung der Versorgung in Berlin mußte durch provisorische Netzumleitung aus anderen Teilen des Netzes erfolgen - problematisch, da zum einen Kunststoffkabel und zum anderen Ölkabel vorliegen, und zur Reparatur der Kabelbrücke wären Plusgrade erforderlich gewesen. 

Was tun bei längerem Stromausfall?

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat eine Broschüre für Bürgerinnen und Bürger erstellt. Ein Stromausfall betrifft fast das gesamte Lebensumfeld: Trinkwasser, Heizung, ÖPNV, Kommunikation, Geldautomaten und Lebensmittelversorgung. Gefrierschränke tauen auf.
Beatmungsgeräte und Notruf funktionieren nicht.
Die Broschüre empfiehlt: ausreichend Trinkwasser, Lebensmittel und Hygieneartikel vorhalten, zudem Kerzen und Batterien, Taschenlampen und Gaslaternen, Campingkocher, warme Kleidung und Decken sind wichtig. Vor allem aber: sich um Angehörige oder Nachbarn kümmern - wer braucht Hilfe? Ein batteriebetriebenes Rundfunkgerät hält die Kommunikation von außen aufrecht.

Eigene Stromversorgung vom Dach?

Wer eine Dach-Photovoltaikanlage betreibt, sollte diese unbedingt mit Speicher und Umschalter auf Inselbetrieb ausrüsten. Dann liefert das Dach oder der Speicher zur Überbrückung weiterhin Strom, zum Beispiel für den Gefrierschrank. 
Inzwischen haben sehr viele Gebäude eine PV-Anlage, dies dient der dezentralen gemeinschaftlichen Stromversorgung. "Netzausbau und Digitalisierung schaffen die Voraussetzungen für die Energiewende in der Region. Als regionaler Versorger und Netzbetreiber stellt sich die GGEW AG dieser Verantwortung,“ so Carsten Hoffmann.
Im Netzbereich der GGEW begann die installierte PV-Leistung 1993 bei fast null, stieg ab 2007 sanft und ab 2023 steiler an, 2025 sind etwas über 100 MW installiert. Bis 2045 wird sich die Summe auf 300 bis 500 MW steigern. Mehr Elektrifizierung sei in Bezug auf die Dekarbonisierung sinnvoll, zum Beispiel über Wärmepumpen. "Mit einem Umstieg auf die Wärmepumpe in der Breite der Bevölkerung rücken andere Energieträger wie Gas oder Heizöl in den Hintergrund, das Stromnetz wird hingegen auch fürs Heizen zentral werden", (Hoffmann).
Mit 45 Windkraftanlagen bundesweit und 43 Photovoltaik-Freiflächenanlagen erzeugt das Unternehmen im Jahr eine Leistung von rund 133 MW aus rein erneuerbaren Quellen. Durch diese Erzeugungsleistung konnten im Jahr 2024 etwa 146.000 Tonnen CO2 eingespart werden. Perspektivisch sollen bei neu geplanten PV-Freiflächenanlagen auch Batteriespeicher mitgedacht werden, wie etwa in Wald-Michelbach schon realisiert. Die Kombination mit einem Batteriespeicher kann die Gesamtwirtschaftlichkeit eines Projektes erhöhen und die Netzstabilität verbessern - auf der Fläche ebenso wie in Gebäuden.
Elmar Jaeker führte aus: "Man unterscheidet bei den Stromnetzen Höchst-, Hoch-, Mittel- und Niederspannungsnetze. Für die Höchst- und Hochspannungsnetze sind bundesweit 4 Übertragungsnetzbetreiber zuständig. Für die Mittel- und Niederspannungsnetze sind etwa 900 Verteilnetzbetreiber zuständig. Früher wurde von den großen Kraftwerken (Atom, Kohle) in die Höchst- oder Hochspannungsnetze relativ zentral eingespeist und der Strom dann nach unten und in die Fläche verteilt. Heute wird von Offshore-Windkraftanlagen in das Höchstspannungsnetz eingespeist, von Onshore-Windkraftanlagen in das Hoch- und Mittelspannungsnetz, von großen Freiflächen-PV-Anlagen in das Mittelspannungsnetz und von den vielen PV-Dachanlagen in das Niederspannungsnetz. 
Die Netzbetreiber haben für den sicheren, zuverlässigen und effizienten Betrieb zu sorgen, für Anpassung und Erweiterung der Netze, dazu gehören Störfallmanagement, Engpaßmanagement, Einspeise- und Lastmanagement, Netzverstärkung und -ausbau. In 2024 ereigneten sich 74% der Engpässe in den Übertragungsnetzen, 26 % in den Verteilnetzen." Aber die Erzeugung aus erneuerbaren Quellen konnte aufgrund ihrer Vorrangstellung zu 96,5 % transportiert werden.

Kann von privater Dach-PV auch ins Netz eingespeist werden?

Bis vor sechzig Jahren gab es in jedem Dorf, das an einem Bach lag, dezentrale Energieerzeugungsanlagen: die Mühlen. Doch sie wurden zugunsten der zentralen Energieversorgung - zwangsstillgelegt und abgerissen. 
Heute wären wir froh, sie zu haben, und nicht nur aus romantischen Beweggründen. Mit dem 1000-Dächer-Programm versuchte man wenige Jahre nach dem Mühlensterben wieder eine dezentrale Versorgung ins Leben zu rufen. Aber PV war noch unerschwinglich. Inzwischen sieht dies anders aus. Eine große Zahl privater Dach-PV-Betreiber sind daran interessiert, ihr Erzeugnis zu teilen. Noch läßt sich überschüssige Energie, wenn der Speicher voll ist, nur ins Netz einspeisen, zu einem Vergütungsbetrag von unter 8 Cent. Bezieht man Strom, zahlt man 36 Cent. Das ist nicht wirklich ein Anreiz, obwohl Deutschland laut Statistischem Bundesamt 31 Prozent des gesamten Photovoltaik-Stroms der EU produziert.
Aber: "Stromverteilung geht inzwischen nicht mehr nur von oben nach unten sondern auch von unten nach oben und von den vielen kleinen PV-Anlagen auch horizontal", so Elmar Jaeker. Die Netze müssen immer intelligenter gesteuert werden, um den notwendigen Netzausbau zu minimieren. Die Verteilnetzbetreiber müssen zwar Leitungen verstärken oder zusätzliche Leitungen bauen, Transformatoren vergrößern und Speicher einrichten, können aber auch Verbrauchseinrichtungen steuern und privates Energiemanagement ermöglichen. Es gibt schon 1,8 Mio. Heimspeicher, die täglich Überschußstrom aus privaten PV-Anlagen einspeichern und dadurch die Netze entlasten. Bidirektionales Laden kann im Energy Sharing funktionieren, aber dazu ist eine flächendeckende Installation von Smart Metern, ausgestattet mit Gateways zum Netzbetreiber, notwendig.
Carsten Hoffmann (GGEW) erläutert zum Thema adäquate Abrechnung für Einspeisung: "aktuell gibt es Probleme, Material wie Steuerboxen für Smartmeter zu bekommen, die Einführung wäre daher noch nicht wirtschaftlich. Wir sind als Branche noch nicht soweit, das Abrechnungssystem ist noch nicht entwickelt. Das ist historisch gewachsen und heute schwierig anzupassen. Es liegt noch kein Rechtsrahmen vor.“ Man stehe hier bundesweit ganz am Anfang der Entwicklung, es gebe heute noch keinen Netzbetreiber, der über Pilotprojekte hinaus ist. Und Elmar Jaeker konstatiert: „Technisch ist hier schon vieles möglich, aber es gibt noch viele organisatorische, rechtliche und steuerliche Hürden.“ 
Am 11. Januar 26 stellte die Hessenschau das Thema energy sharing vor, also privates Handeln mit erzeugtem Strom. Ab Juli 2026 soll EU-weit gesetzlich ermöglicht werden, dezentrale Erzeugung zu teilen. Dies soll einfacher und unbürokratischer werden. Also muß auch Deutschland aktiv werden. Bislang ist das Verkaufen von Strom nicht erlaubt. 
Wenn aber Regionen sich stärker selbst versorgen können wird das Energiesystem ausfallsicherer. Vom Dach über die Wallbox ins Auto, in den Rasenmäher oder zurück ins Haus für die Wärmepumpe, oder ins Netz: die Einspeisung vom Auto ins Netz ist bei modernen E-Autos bereits vorgesehen, aber die Infrastruktur ist noch nicht da.
Für das Konzept des Energy Sharing existiert eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 2018, die Bürger besser gegen Stromkrisen absichern und aktiv in die Energiewende einbringen soll. Am 11. September 2025 wurde erstmalig im Deutschen Bundestag über Energy Sharing debattiert und am 15. Oktober 2025 im Ausschuß für Wirtschaft und Energie des Deutschen Bundestages in öffentlicher Anhörung beraten. Am 13. November 2025 ermöglichte der Bundestag mit der Einfügung des §42c in das EnWG erstmalig rechtlich Energy Sharing in Deutschland.
Bislang gilt: wenn Solarbesitzer in Deutschland ihren Strom verkaufen, werden sie zu Stromlieferanten - mit Verträgen, Bilanzen und einer Liefergarantie. Künftig könnten sie Überschüsse per Vertrag an Nachbarn abgeben oder Genossenschaften bilden. Für Mehrfamilienhäuser kommt eine Mieterstromregelung in Frage. Netzentgelte fallen jedoch weiter an, Strom wird daher nicht deutlich billiger. Das öffentliche Netz wird weiterhin erforderlich bleiben, da eine Vollversorgung über PV noch zu unsicher ist. M. Hiller

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